4. Berliner Mittelstandstalk: Retrospektive

Technologiegetriebene Start-Ups aus der Finanz- und Versicherungsbranche treiben den Kapitalmarkt im Eiltempo voran: Die Jungunternehmen ergänzen und bereichern den Wettbewerb um innovative Produkte und Leistungen.

Technologiegetriebene Start-Ups aus der Finanz- und Versicherungsbranche treiben den Kapitalmarkt im Eiltempo voran: Ob Bonitätsprüfungen, Geldanlagen oder Videoidentifikationen – die Jungunternehmen ergänzen und bereichern den Wettbewerb um innovative Produkte und Leistungen. Mit Partnern, Fintechs und InsurTechs hat der 4. Berliner Mittelstandstalk daher am 18. Mai über die Chancen und Bedrohungen diskutiert, die sich durch die neuen Marktteilnehmer ergeben, und einen Blick in die Zukunft der Finanzierungsmöglichkeiten gewagt.

Es war der erste Hochsommertag dieses Jahres, die Temperaturen kletterten auf 30 Grad. Trotzdem blieb beim 4. Berliner Mittelstandstalk in der Mercedes-Welt am Salzufer kaum ein Platz frei. Mehr als 100 Gäste und Fachleute wollten sich die spannende Diskussion nicht entgehen lassen. Schließlich ging es um den klassischen Konflikt einer jeden Branche: neu gegen alt, klein gegen groß, flexibel gegen etabliert. Und so kamen die Teilnehmer der Diskussion – geleitet von Dr. Thomas Derlin, Rechtsanwalt und Partner bei GSK STOCKMANN – auch schnell auf Betriebstemperatur, die jener auf der anderen Seite des sonnigen Mercedes-Glaspalastes in nichts nachstand.

Eingeleitet wurde der Abend von Stefan Leisner, Vice President der Deutschen Börse Cash Market. In seiner Rede präsentierte er Lösungen, wie sein Unternehmen auf die Herausforderungen der jungen Unternehmen eingeht – und zwar indem man sie in einem eigenen FinTech-Hub fördert, berät, untereinander vernetzt, finanziert und sich an ihnen beteiligt. Dass sich die zweite deutsche FinTech-Hochburg in Berlin befindet, zeigte ein Blick auf die restlichen Diskussionsteilnehmer, die den Faden Leisners sogleich aufnahmen. Befeuert durch Moderator Derlin, entzündeten sich viele Antworten an der Kernfrage: Sind die Start-Ups eine Bedrohung für die eingesessenen Institute? Deutsche Börse-Vice President Leisner sah das Verhältnis zu den aufstrebenden Firmen entspannt – kein Wunder, angesichts seiner Strategie, sich kurzerhand in die Unternehmen einzukaufen. Björn Albert, Head of Division bei Euler Hermes sah eine große Bedrohung. Angst habe er aber nicht: „Märkte und Technologie verändern sich. Der Wettbewerb wird so erhöht. Das ist doch toll.“ Nikolas Lechner, Co-Founder und Managing Director beim jungen Factoringdienstleister Innolend, wandte sich ebenfalls gegen das Schwarz-Weiß-Denken. Zudem erschlössen FinTechs durchaus neue Kundengruppen und nehmen den Etablierten nicht immer etwas weg. Sein Kollege Stephan Heller, Gründer und CEO bei Fincompare, einer Finanzierungsplattform für kleine und mittlere Unternehmen, sah in seiner Branche eindeutige Versäumnisse der traditionellen Häuser: „Die Beratung kommt völlig zu kurz. Wir dagegen bringen Unternehmen mit Beratern zusammen. Damit binden wir die Kunden.“ Christian Nagel, Partner beim Venture-Capital-Geber earlybird, gewann dem Wettbewerb nur Gutes ab und schälte ebenfalls einen entscheidenden Punkt heraus: „Wer hat Zugang zum Kunden? Wer bietet den besseren Service?“ Sein wenig mutmachendes Zwischenfazit: „Die Etablierten werden überleben. Aber wie?“ Dr. Timo Patrick Bernau identifizierte ebenfalls die Technik als entscheidenden Faktor: „Die Digitalisierung ist die Bedrohung, nicht die FinTechs. In jedem Fall können sie schneller reagieren. Gleichzeitig fand er in der überbordenden Regulatorik – an die sich die FinTechs oft nicht halten müssen – auch einen Wettbewerbsnachteil für die Etablierten.

Stefan Mattner, Wirtschaftsprüfer in der Kanzlei Ebner Stolz, bemerkte, dass die Weiterentwicklung der Produkte und Prozesse der Markttreiber sei. „Die Herangehensweise der FinTechs an die Kunden ist eine ganz andere. Sie machen das online oder mobil und haben dadurch schon riesige Vorteile.“ Innolend-Gründer Lechner möchte – genauso wie sein Kollege Heller von Fincompare – mit seinem Unternehmen die komplexe Regulierung vermeiden: „Da, wo die Regulierung greift, kooperieren wir lieber mit traditionellen Unternehmen.“

Wachstum gelingt nur mit modernen Finanzierungen

Vor allem in der zweiten Phase der Diskussion zeigte sich, dass die Fronten zwischen beiden Seiten längst aufgebrochen sind und der aktuelle Markt eher ein „sowohl-als-auch“ widerspiegelt als ein „entweder-oder“. Wie sehr sich neu und alt vermischen, verdeutlichte die Reaktion auf eine Frage aus dem Publikum: Ein Gast berichtete davon, dass er wachsen möchte, die Bank aber seine Firma nicht verstehe. Daraufhin stand ein zweiter Vertreter von Euler Hermes im Publikum auf und versprach ihm, dass er ihn gerne mit einem im Raum befindlichen Finanzierer bekanntmachen würde. Die Chance auf einen neuen Kunden wollten sich jedoch auch andere VC-Firmen nicht entgehen lassen. Sie bekundeten ebenfalls Interesse. Angesichts dieser Geschäftsaussichten und der heißen Temperaturen beendete Moderator Derlin die Debatte und freute sich mit den 100 Gästen auf die kühlen Getränke.