Die Zielgruppe: wer bestimmt, was interessiert?

"Das interessiert unsere Zielgruppe nicht." Diesen Satz hören Redakteure, wenn ihre Pressemitteilung abgelehnt wird. Doch wer bestimmt eigentlich, was den Leser interessiert und wer definiert die Zielgruppe? Die Medien und ihre scheinbaren Zielgruppen ist ein Thema, das immer mehr Menschen in diesem Land beschäftigt.

 

Der entmündigte Leser - wer ist eigentlich die Zielgruppe?


In den vergangenen Jahren hat sich dieser Begriff in den Medien etabliert. Wird eine Mitteilung nicht veröffentlicht oder ein Beitrag nicht gesendet, ist laut der Redaktionen der Leser / Zuschauer "schuld". Aussagen wie "Das interessiert die Zielgruppe nicht", " Das passt nicht zur Zielgruppe" oder "Das ist kein Thema für unsere Leser" sind Floskeln, die als Begründung einer Ablehnung erbracht werden. Die Frage wird aufgeworfen, wer diese Zielgruppe eigentlich ist und wer über den Kopf der Leserinnen und Leser entscheidet, was sie interessiert und was nicht. Geht es nicht vielmehr darum, dass Redaktionen bestimmen, was den Leser zu interessieren hat und nicht, was ihn wirklich beschäftigt?

Geistliche Musik oder Lieblingsstücke - zum Sonntagsfrühstück für die Zielgruppe 


Es ist nicht lange her, dass der WDR ein außergewöhnliches Experiment versucht hat. Dabei wurden Programmtitel verändert, mit der Aussage, dass die neuen Formate auf große Anerkennung stoßen. Wo ursprünglich geistliche Musik lief und die Familie am Frühstückstisch einlullte, wurde im Rahmen des Experiments "Lieblingsstücke" übertragen. Zuhörer durften jetzt anrufen und nach ihren Lieblingsstücken fragen. So wünschte sich einmal ein Kriegsveteran "Freude schöner Götterfunken" aus Beethovens 9. Sinfonie und sprach in der öffentlichen Übertragung davon, dass ihn die Musik an seine Zeit im Krieg erinnere. Allein durch die jetzt möglichen Anrufe und die Neubenennung der Sendung hat sich die ursprüngliche Zielgruppe gewandelt. Ein weiterer Punkt: Vielleicht werden auch nur GEMA-Gebühren gespart, da der Sender nur zahlt, wenn Musik gespielt wird. Verwundert es jetzt noch, dass im Radio und auch bei Fernsehshows mehr geredet als musiziert wird? 
"Seitdem diese Sendung läuft, bleibt sonntags bei uns das Radio aus, und wir hören jetzt morgens immer eine CD", sagt eine Mitarbeiterin des WDR. Wenn die eigenen Mitarbeiter schon wegschalten, ist das Experiment auf jeden Fall missglückt.

 

Verbraucherthemen die nicht jedermann interessieren


Die Auflagen von Tages- und Wochenzeitungen sinken ständig. Wer sich im Wirtschaftsteil auf Nachrichten aus der Wirtschaft freut, wird in vielen Fällen bitter enttäuscht. Dort sind Themen zu Verbraucherfragen, wie beispielsweise der Kündigung einer Lebensversicherung zu finden. Der lokale Teil wird meist durch Vereine gefüllt und ein Extra in Zeitschriften beinhaltet Themen über das Leben mit Haustieren. Wo ist hier die Zielgruppe, um die es doch eigentlich geht? Sicherlich kann man in einer Tageszeitung mit Themenvielfalt eine größere Leserschaft erreichen. Wenn die Gesamtheit der Themen aber nichts Neues beinhaltet, geschieht, was geschehen muss - die Abonnementenzahl und damit die interessierte Zielgruppe sinkt. 

 

Mit der Zielgruppe am Ziel vorbei 


Sollte es nicht das Ziel sein, neue Leser, Zuhörer und Zuschauer zu gewinnen? Eine festgefahrene - durch die Redaktion definierte Zielgruppe ist keinesfalls eine Lösung. Hierbei handelt es sich um scheinbare Zielgruppen und ein statisches Konstrukt, das in der Medienlandschaft unbedingt frischen Wind benötigt. Eine Idee: Umfragen unter den Abonnenten, Zuhörern oder den Zuschauern.